Austausch mit Unicef, DRK und NGO Monitor zur humanitären Hilfe in Nahost und der Ukraine – besonders leiden die Kinder!

Christian Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, brachte uns in der AG Menschenrechte diese Woche auf den neuesten Stand zur humanitären Lage in Syrien und der Ukraine.

Fragile Hoffnung in Syrien

Der Krieg in Syrien ist zwar zu Ende, aber die Not bleibt, die Hoffnung ist fragil, die Härten des Alltags sind zermürbend:

  • Es gibt zwei Millionen Binnenvertriebene und eine Million Flüchtlinge, die aus Nachbarländern zurückgekehrt sind, viele davon Kinder. Sie leben oft in einfachen Camps, in Höhlen oder in Ruinen – wie ich bei meinem kürzlichen Besuch in Syrien selbst sehen konnte.
  • Es fehlt überall an nutzbaren Wohnungen, Wasser und Strom sowie einfacher Gesundheitsversorgung und Jobs.
  • 16,5 Mio. Menschen in Syrien brauchen humanitäre Hilfe, darunter 7,4 Mio. Kinder.
  • 80 Prozent der Kinder sind von Armut betroffen, ein Drittel von extremer Armut.
  • 2,5 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen, denn rund 40% der Schulen – insgesamt 8.000 – sind zerstört oder beschädigt.
  • Wegen Armut und fehlenden Bildungsmöglichkeiten ist Kinderarbeit verbreitet und nimmt zu.
  • Die Kinder haben 13 Jahre Krieg erlebt, kennen keinen normalen Alltag und sind vielfach traumatisiert.
  • Die Verletzungsgefahr durch Minen und Blindgänger ist extrem hoch. Das Land hat keine Kapazitäten, um systematisch Minen, explosive Überreste und großflächig Schutt zu räumen.
  • Es kommt weiterhin zu Spannungen und Gewaltausbrüchen in verschiedenen Landesteilen. Die Inflation steigt, und die Kriminalität ist in die Höhe geschnellt.

Wie hilft Unicef?

Unicef ist in Syrien mit rund 240 Mitarbeitern an sechs Standorten aktiv und arbeitet bei der Stabilisierung des Landes eng mit syrischen Hilfsorganisationen zusammen.

Durch die Wiederherstellung von Anlagen und die Installation von Solartechnik sichert UNICEF beispielsweise die Wasserversorgung, allein in diesem Jahr bisher für rund zwei Millionen Menschen.

Mit Unterstützung von UNICEF haben dieses Jahr bereits 1,7 Mio. Frauen und Kinder Hilfe in einfachen Gesundheitszentren oder durch mobile Teams erhalten.

UNICEF unterstützt die mentale Gesundheit der Kinder und Eltern durch psychosoziale Hilfe und stellt therapeutische Nahrung für mangelernährte Kinder zur Verfügung.

UNICEF hilft dabei, Schulen wieder herzurichten und hat 2025 über eine Million Kinder bei der Schulbildung oder informellen Lernangeboten unterstützt. Christian Schneider berichtete von einer syrischen Mutter, die gesagt hat: „Meine große Hoffnung ist die Bildung meiner Kinder.“

Kinder und Jugendliche werden über die Gefahren von Landminen und Blindgängern aufgeklärt.

UNICEF engagiert sich intensiv dabei, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und besonders das Überleben der vielen Menschen zu sichern, die außerhalb der Camps leben.

Christian Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, bei seinem Bericht

Ukraine: Kinder im Albtraum zwischen Bombardierung und Zukunftsangst

In der Ostukraine, der frontnahen Region Charkiw, die Christian Schneider Mitte November besucht hat, bereitet der bevorstehende Winter die größte Sorge. Die Menschen dort sind zermürbt und erschöpft. Sie „leben in einem Albtraum, aus dem wir nie wieder aufwachen.“

Die Stromversorgung ist in der gesamten Ukraine bis zu 21 Stunden am Tag nicht gesichert. Es gibt Drohnenangriffe auf ausnahmslos alle beweglichen Ziele. Die Zerstörung der kritischen Infrastruktur durch die Russen erfolgt ohne Rücksicht auf zivile Ziele, besonders der Energieversorgung, und verschärft das Leben der Menschen drastisch.

Für Kinder und Jugendliche ist jeder Tag ein Ausnahmezustand, die Gedanken kreisen immer um die Angst vor dem nächsten Angriff.

Insbesondere kleinere Kinder leben von Beginn im Krieg und den damit verbundenen Ängsten und Traumata. Folgen sind die Zunahme von Sprachstörungen und anderen Entwicklungsstörungen. Besuche von Kindergärten werden immer weniger.

Seit Februar 2022 wurden in der Ukraine über 3.100 Kinder getötet oder verletzt. Auch Minen und Blindgänger sind eine tagtägliche Gefahr für Kinder, die sie oft nicht als Gefahren erkennen und für Spielzeug halten.

Die Zahl der stressbelasteten Menschen nimmt stark zu. Jeder dritte Jugendliche ist von Angst, Traurigkeit und sogar Suizidgedanken betroffen.

Der Stress löst vielfach auch Gewalt in den Familien aus und erhöht den Hilfebedarf der Eltern, um die extremen Belastungen ertragen und ein stabiler Anker für die Kinder bleiben können.

Familien werden deshalb aus frontnahen Städten oft nach Charkiw evakuiert. Die Jugendlichen dort sind trotz der Probleme oft fest entschlossen, in der Ukraine ihre Zukunft zu bauen und wollen ihre Region, ihr Land nicht verlassen.

Wie hilft UNICEF?

In enger Zusammenarbeit mit den relevanten Behörden und einem Team von über 300 Mitarbeitern leistet UNICEF Hilfe für Kinder und beim Wiederaufbau von Schulen und Kindergärten, von Wasserversorgung und Sanitäreinrichtungen.

UNICEF organsiert psychologische Betreuung und unterstützt den Aufbau von Kindergärten und Grundschulen in Luftschutzkellern, damit Kinder sich trotz des Krieges entwickeln können.

Im ersten Halbjahr 2025 hat UNICEF u.a. dazu beigetragen, 225.000 Kinder mit Lernangeboten und 235.000 Kinder und Betreuende mit psychosozialer Hilfe zu erreichen. 2,5 Mio. Menschen erhielten Zugang zu sauberem Wasser und rund 400.000 Kinder und Mütter zu Gesundheitsversorgung. Rund 52.000 Familien erhielten Bargeldhilfen.

Deportation ukrainischer Kinder bedrohlich

Die ukrainische Regierung wirft Russland vor, seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 rund 20.000 ukrainische Kinder entführt, zwangsweise vertrieben und teilweise auch in „Umerziehungslager“ nach Nordkorea geschickt zu haben. Die Dunkelziffer ist sehr viel höher. Es gebe ein Netzwerk von 165 solchen Lagern in der besetzten Ukraine, in Belarus, Russland und Nordkorea. Ein Vertreter des Regionalen Zentrums für Menschenrechte hatte in einer Anhörung vor dem US-Senat Anfang Dezember gesagt, dass zumindest einige der Kinder in ein Lager an der Ostküste Nordkoreas geschickt worden seien.

Das Forschungslabor für Menschenrechte (HRL) der Universität in Yale hat im Auftrag des US-Außenministeriums Schätzungen zur Zahl der von Russland verschleppten ukrainischen Kinder erhoben und hat dabei sogar 210 solcher Umerziehungslager ausgemacht.

Der Internationale Strafgerichtshof erließ 2023 Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Putin wegen der mutmaßlichen Deportation und Verschleppung von ukrainischen Kindern.

Russland weist den Vorwurf der Massenentführung ukrainischer Kinder zurück. Der Kreml hat aber eingestanden, seit Beginn der Offensive in der Ukraine einige Kinder „verlegt“ zu haben. Dies sei jedoch zu deren Schutz geschehen und Russland bemühe sich um die Wiedervereinigung mit ihren Familien.

Bei der Finanzierung dieser wichtigen Hilfe– der Bedarf liegt bei rund 480 Mio. USD – ist UNICEF auch auf deutsche Mittel angewiesen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass wir bei der Aufstellung des nächsten Bundeshaushalts die Mittel für die humanitäre Hilfe wieder erhöhen.

Mit Christian Schneider/UNICEF Deutschland und meinem AG-Kollegen Knut Abraham

Erfolgreiche Katastrophenvorsorge im Libanon mit Hilfe des Roten Kreuzes:

Nachdem ich bei meiner kürzlichen Reise in den Libanon bereits das Primary Health Care Center des Libanesischen Roten Kreuzes LRK besucht hatte, habe ich mich sehr gefreut, Kassem Chalaan, Direktor für Katastrophenvorsorge beim LRK, bei seinem Berlin-Besuch kennenzulernen in Begleitung von Vertretern des Deutschen Roten Kreuzes.

Das DRK verbindet seit langem eine vertrauensvolle Partnerschaft mit dem Libanon. Es unterstützt das LRK, das unmittelbar an das libanesische Gesundheitsministerium angebunden ist, in den Bereichen Rettungsdienst, mobile Gesundheitsversorgung, Blutbanken, humanitäre Hilfe und Katastrophenvorsorge.

Klug durchdachte Katastrophenvorsorge

Die Arbeit des Roten Kreuzes ist in diesem kriegs- und krisengebeutelten Land unverzichtbar. Denn über 80 Prozent der Menschen leben dort inzwischen unterhalb der Armutsgrenze. Neun von zehn Menschen können infolge der Inflation nicht von ihrem Einkommen leben. Das Land importiert über 80 Prozent seiner Konsumgüter. Jede Schwankung der Wechselkurse oder Transportkosten treibt die Preise vor Ort sofort in die Höhe.

Seit Beginn der Syrienkrise haben zudem über eine Million Menschen im Libanon Zuflucht gefunden – in einem Land mit nur knapp 6 Mio. Einwohnern!

Angesichts dieser Herausforderungen zeichnet sich das Land durch eine klug durchdachte Katastrophenvorsorge aus: mit einer exzellenten Vernet­zung lokaler Partner und einer beeindruckenden digitalen Logistik.

Mithilfe dieses Systems beobachten Kassem Chalaan und sein LRK-Team die Flüchtlingsbewegungen im Land, stellen die Bedarfe fest und koordinieren die Zusammenarbeit aller im Libanon tätigen Rotkreuzgesellschaften, weiterer NGOs und den staatlichen Stellen der Katastrophenschutz-Einheit der Regierung – Disaster Risk Management – auf allen Ebenen. Diese Einheit wird auch vom UN-Entwicklungsprogramm UNDP unterstützt.

Herzlichen Dank für die interessanten Einblicke!

Im Gespräch mit Kassem Chalaan, Direktor für Katastrophenvorsorge beim Libanesischen Roten Kreuz

NGO Monitor: Wie kann humanitäre Hilfe für Gaza ohne Sabotage durch die Hamas gelingen?

Olga Deutsch, Vizepräsidentin des unabhängigen Forschungsinstituts NGO Monitor, und Nizar Amer von der israelischen Botschaft, stellten mir diese Woche einen Bericht vor, der auf beschlagnahmten Dokumenten der Hamas von 2018 bis 2022 basiert. Der Bericht deckt auf, wie die Terrororganisation vor ihrem barbarischen Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 die humanitäre Hilfe in Gaza systematisch umgeleitet, manipuliert und als Waffe eingesetzt hat (Zusammenfassung mit Stellungnahmen u.a. von Oxfam hier.)

Unser gemeinsames Ziel ist es, dass wir die notleidenden Menschen in Gaza mit unserer Hilfe direkt erreichen und versorgen – und dass wir gleichzeitig erfolgreich die Versuche der Terrorgruppe Hamas verhindern, humanitäre Organisationen zu kontrollieren und Gelder abzuzweigen.

Um einen nachhaltigen und friedlichen Wiederaufbau des Gazastreifens zu erreichen, brauchen wir einen langen Atem. Denn der Neuaufbau von Strukturen in Gaza ohne die Hamas, die dort seit 2007 alles kontrolliert und unterwandert hat, wird ein schwieriger und steiniger Weg sein.

Austausch mit Olga Deutsch/NGO Monitor und Nizar Amer von der israelischen Botschaft