Am 25. März hatte ich die Gelegenheit zu einem intensiven Gespräch mit Vertreterinnen des evangelischen Hilfswerks „Brot für die Welt“ sowie zwei engagierten Expertinnen aus Peru. Gemeinsam mit Anja Esch aus der Abteilung Politik und Dr. Sandy El Berr von der Dialogstelle für indigene Völker durfte ich Marisol Garcia Apagueño und Cristina Gavancho im Deutschen Bundestag begrüßen.
Cristina Gavancho, eine erfahrene Menschenrechtsanwältin beim IDL – Justicia Constitucional y Pueblos Indígenas, beschrieb eindrucksvoll die strukturellen Herausforderungen beim Schutz indigener Rechte in Peru – ihr Spezialgebiet.
Marisol Garcia Apagueño, Führungsperson des Kichwa-Volkes, Vorstand im Frauennetzwerk „Widerstand weben“ und internationale Stimme für indigene Rechte u.a. bei der Weltklimakonferenz COP30 in Belém, berichtete eindrücklich aus ihrer Heimatregion San Martín im nordöstlichen Andenraum Perus im Amazonasgebiet. Dieses riesige Gebiet tropischen Regenwaldes ist seit Generationen Lebensgrundlage ihrer Gemeinschaft, die traditionell von Jagd, Fischfang und Sammeln lebt.
Vertreibung indigener Völker aus Naturschutzgebieten:
Dort leiden indigene Völker wie die Kichwa nicht nur unter illegalen Bergbauaktivitäten und fehlenden Landrechten. Besonders eindringlich schilderte Marisol García die Folgen der Ausweisung des Nationalparks Cordillera Azul im Jahr 2001. Ohne vorherige Konsultation wurde den dort lebenden indigenen Gemeinschaften der uneingeschränkte Zugang zu ihrem angestammten Territorium entzogen. Dieses Vorgehen steht im Widerspruch zu den Rechten indigener Völker, wie sie im ILO-Übereinkommen 169 verankert sind, das auch Deutschland mitträgt und das das Recht auf freie, vorherige und informierte Konsultation bei allen Maßnahmen garantiert, die ihre Territorien betreffen.
Naturschutzgebiete auch für Greenwashing missbraucht:
Die Situation wurde durch ein Emissionszertifikatsprojekt innerhalb des Nationalparks weiter verschärft. Durch den Verkauf von über 28 Millionen Zertifikaten an internationale Energiekonzerne wie Shell und TotalEnergies wurden erhebliche Einnahmen erzielt, die eigentlich dem Ziel dienen, Klimaschutz und Klimaanpassung in dieser Region zu finanzieren. Doch nach Angaben der Betroffenen erreichte weniger als ein Prozent dieser Mittel die indigenen Gemeinschaften vor Ort.
Zugleich wurde deutlich, dass solche Projekte nicht automatisch zu wirksamem Klimaschutz führen, denn die Konzerne sparen durch diese Kompensation zum einen keine Emissionen ein – Stichwort Greenwashing.

Gemeinsam mit Marisol Garcia, Cristina Gavancho, Dr. Sandy El-Berr (alle aus Peru) und Anja Esch (vlnr)
Wächter des Waldes aus ihrer Rolle verdrängt:
Zum anderen wurde die lokale Bevölkerung, die traditionell als „Wächter des Waldes“ fungiert und aktiv zum Erhalt des Ökosystems beiträgt, aus ihrer Rolle verdrängt. Stattdessen kümmern sich nur rund 80 staatliche Parkwächter um ein Schutzgebiet von nahezu 1,5 Millionen Hektar. Der Verlust lokalen Wissens und nachhaltiger Bewirtschaftung gefährdet damit langfristig sowohl die Biodiversität als auch einen der größten terrestrischen CO₂-Speicher weltweit.
Die indigenen Völker kämpfen jedoch weiter mit bewundernswertem Mut und unter Lebensgefahr gegen diese Ausbeutung und für den wahren Schutz der Regenwälder und des Klimas – und brauchen dafür mehr politische Hilfe, auch aus Deutschland.
Klimaschutz nur mit indigenen Völkern – kirchliche Netzwerke verstärkt nutzen
Aus dem Gespräch ergeben sich klare politische Schlussfolgerungen:
Klimaschutz, Biodiversitätsschutz und die Rechte indigener Völker müssen Hand in Hand gehen. Nur wenn indigene Gemeinschaften aktiv eingebunden werden, können langfristig wirksame und nachhaltige Lösungen entstehen.
Vor diesem Hintergrund sollten wir auch unsere Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit kritisch prüfen. Es gilt zu erwägen, Mittel stärker über vertrauenswürdige und lokal vernetzte Organisationen wie „Brot für die Welt“ und „Misereor“ zu lenken, die eng mit Partnern vor Ort zusammenarbeiten. Gerade kirchliche Hilfswerke verfügen über weite Netzwerke und genießen vielfach großes Vertrauen in den betroffenen Regionen. Sie können so die immer knapperen Mittel viel effizienter einsetzen – und ergänzen sie gleichzeitig durch Spenden.
Zugleich sollte Deutschland im politischen Dialog mit Ländern wie Peru auf der Einhaltung der ILO 169 bestehen, die die Rechte der indigenen Völker einfordert.
Herzlichen Dank!
Der Austausch hat mir erneut vor Augen geführt, wie wichtig es ist, die Perspektiven der Betroffenen in politische Entscheidungen einzubeziehen. Die Impulse aus dem Gespräch werde ich in meine weitere parlamentarische Arbeit einbringen.
Ich danke allen Gesprächspartnerinnen herzlich für ihren offenen und eindrucksvollen Bericht sowie ihr unermüdliches Engagement.

Marisol García übergibt mir eine Kichwa-Keramikschale, handbemalt mit stilisierten Mustern der Landschaft aus der Region San Martín